Hanni M.: "Die Rente reicht nicht"

Sozialverband VdK Deutschland - Aktion gegen Armut
 

Hanni M.: "Die Rente reicht nicht"

Die Münchnerin Hanni M. lebt nach 43 Jahren Arbeit auf Sozialhilfeniveau
Bildaufnahme von hinten: Eine Frau schiebt einen Gehwagen.
3 Millionen Rentnerinnen und Rentner sind in Deutschland von Armut bedroht. Oft tragen auch Krankheit oder Behinderung zum Sturz in die Altersarmut bei.

Immer fleißig, immer pünktlich, adrett und gut gelaunt: Das Leben der Münchnerin Hanni M. (Name von der Redaktion geändert) gehörte der Gastronomie. 43 Jahre hat sie gearbeitet, war jeden Tag auf den Beinen, schleppte Bierkrüge und heiße Teller. Sie hat ihre Abgaben geleistet, war nie krank oder arbeitslos. Und am Ende blieb doch nichts übrig für einen gesicherten, angenehmen Lebensabend. Nach harten Arbeitsjahren wurde sie zur Bittstellerin und musste beim Sozialamt Grundsicherung beantragen.

Mit 14 Jahren begann die gebürtige Münchnerin eine Lehre als Bedienung in einem Münchner Restaurant. Das erste halbe Jahr hat sie Gläser gespült und poliert, dann durfte sie in den Service. "Ich war immer höflich, immer freundlich", sagt Hanni M.. "Mein Beruf hat mir Freude bereitet." Es sei eine harte Schule gewesen. Suppen wurden noch in Silbertassen serviert, der Fisch von ihr am Tisch der Gäste filetiert. Sechs Essen musste sie auf einmal servieren können. "Aber das hatte man gelernt", sagt sie. Ihr Motto sei immer gewesen: "Arbeiten bis zum geht nicht mehr."

Der Körper streikt

Doch nach 43 Jahren als Bedienung, darunter zwölf Jahre im Gästecasino bei Siemens, musste Hanni M. feststellen, dass ihr Körper nicht mehr mitmachte. "Ich konnte kaum noch stehen", erzählt sie. Ihre beiden Hüftgelenke waren kaputt, in beiden Knien hatte sie Arthrose. Schon im Alter von 50 Jahren hatte sie erste Warnzeichen bemerkt, diese aber lange ignoriert. Sie nahm Schmerztabletten, doch irgendwann halfen diese auch nicht mehr. Mit 55 Jahren meldete sie Altersteilzeit an und kam damit noch ein paar Jahre über die Runden, bis der Köper völlig streikte. Es ging einfach nicht mehr.

Die Miete steigt

Hanni M. hat 43 Jahre gearbeitet, bis sie erwerbsunfähig wurde. Die alleinstehende Frau bekommt 788 Euro Rente, dazu 72 Euro Betriebsrente. "Das Geld reichte, solange ich noch 419 Euro Miete im Monat zahlte", sagt sie. Doch nach einem Heizungsumbau stieg die Warmmiete in ihrer Wohnung auf 591 Euro. Dazu kommen Strom, Telefon und Hausratversicherung. Nach kräftezehrenden Jahren in ihrem Beruf war sie plötzlich so arm wie jemand, der ein Leben lang gar nicht gearbeitet hat, dafür aber Leistungen vom Staat bekommt. "Ich habe gemerkt, es reicht hinten und vorne nicht mehr", erzählt sie. Verzweifelt wandte sie sich an den Sozialverband VdK mit seiner Münchner Außenstelle am Westkreuz.

VdK hilft bei Antrag

Dort wurde ein Antrag auf Grundsicherung gestellt (seit 2003 können Alters- und Erwerbsminderungsrentner beim Sozialamt die Grundsicherung beantragen, wenn sie ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten können). "Es hat Monate gedauert, bis wir grünes Licht bekamen", sagt Hanni M. rückblickend. "Der VdK am Westkreuz hat mittlerweile drei Aktenordner von mir." Sie sei schon "mürbe" gewesen vom vielen Formulareausfüllen, doch die Mitarbeiter vom VdK hätten sie immer wieder aufgebaut und gesagt: "Wir ziehen das durch."

Telefon als Lebensinhalt

Dann kam die Genehmigung auf 132,97 Euro zusätzlich zu ihrer Rente. Trotzdem muss Hanni M. jeden Cent umdrehen. Auch mit Grundsicherung bleiben ihr nur etwa 200 Euro zum Leben. "Gut, dass ich keine Kleidung und keine Schuhe mehr brauche", sagt sie. Die drei Paar Schuhe, die ihr noch passen, sind zehn Jahre alt. Gerne würde sie öfters ins Freie, doch wegen ihrer starken Gehbehinderung ist Hanni M. stets auf fremde Hilfe angewiesen.

Das Rentner-Leben hatte sich die Münchnerin ganz anders vorgestellt. Für Reisen oder Ausflüge bräuchte sie Geld, das sie nicht hat. Ihre Wohnung verlässt sie nur noch selten. Ihr Lebensinhalt sind Telefonate mit Freunden und der Fernseher in ihrem kleinen Wohnzimmer. Ihre 53-Quadratmeter-Wohnung ist liebevoll mit altdeutschen Möbeln eingerichtet. Auch dieser Anblick bereitet ihr Freude. Gerührt erzählt sie von der "netten Hausgemeinschaft". Da bekomme sie viel Unterstützung. Drei, vier Frauen kaufen ihr regelmäßig ein: beim Discounter, wo es am günstigsten ist. Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Kartoffeln, Zwiebeln und Brot lässt sie in größeren Mengen einkaufen, um zu sparen. "Gerade so, dass die Lebensmittel nicht verderben."

Fleisch, Obst und Gemüse sind purer Luxus. Eine richtig ausgewogene Ernährung ist nicht möglich. Wenn das Geld am Monatsende nicht mehr reicht, gibt es tagelang oft nur Nudeln mit Ketchup oder Kartoffeln mit Rührei. Zum Standardeinkauf gehören aufbackbare Brötchen, sechs Stück für 39 Cent. "Ich schaue mir immer die Sonderangebote durch", sagt Hanni M.. Gerade bei Körperpflegeartikeln wie Zahnpasta oder Putzmitteln lohne sich das.

Kein Geld für Träume

Träume hat die 63-Jährige nicht mehr. "Ich weiß, dass das Geld für Reisen oder Essen gehen nicht da ist. Ein Radler und eine Brotzeit in einem Biergarten, das ist einfach nicht drin." 1700 Mark Rente, das habe sich für sie am Anfang ihres Rentnerdaseins gar nicht so schlecht angehört. "Aber jetzt mit dem Euro und den Preissteigerungen kommt doch niemand mehr zurecht." Dabei wollte sie im Alter so gerne in die Berge fahren. Hanni M. hat resigniert, was ihre finanziellen Möglichkeiten anbelangt und ist schon froh, wenn ihr Gesundheitszustand einigermaßen stabil bleibt. Sie hat auch keine Scham mehr, Hilfe vom Sozialamt zu bekommen. Sonst hätte sie nichts zu essen.

"Ich spreche für zigtausende Menschen, denen es ähnlich geht wie mir", sagt Hanni M.. Von der Politik fühlt sie sich im Stich gelassen. "Es kann doch nicht sein, dass nach 43 Jahren Arbeit die Rente viel zu wenig ist. Und dafür war ich immer so fleißig. Wegen jedem Euro muss ich jetzt Anträge stellen." Sie lebe jetzt wie jemand, der nie eine Mark in die Rentenkasse eingezahlt hat.

Hanni M. wollte immer für sich selbst sorgen können. Doch sie weiß jetzt, dass sie bis an ihr Lebensende Bittstellerin bleiben wird.

Petra J. Huschke

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"Die Rente reicht nicht", fasst Hanni M. zusammen. Obwohl die Münchnerin 43 Jahre lang gearbeitet hat, lebt sie heute auf Sozialhilfeniveau.Fallbeispiel

 

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